Abenteuer

Jedes Abenteuer
eine Geschichte

Kein Tagebuch, keine tägliche Flut, sondern von jedem grossen Vorhaben eine erzählte Geschichte. In Ruhe geschrieben, wo möglich in Bildern festgehalten.

1. bis 2. August 2026 · Nonstop Widnau → Wien

Vienna is Calling

750 km · 33:45 h reine Fahrzeit · 42:30 h unterwegs · self-supported

Manche Ideen entstehen leise, beim Blick auf eine Landkarte. Diese hier hatte einen Namen, bevor sie eine Route hatte. Vienna is Calling. Von der Haustür in Widnau bis vor das Hotel meiner Frau Bettina in Wien, in einem Zug, ohne Etappenziel, ohne Bett. Nur ich, das Rad und eine Stadt am anderen Ende von Österreich, die wartete.

Die Route

Widnau, Bludenz, Arlbergpass, Innsbruck, Salzburg, Linz und schliesslich auf dem Donauradweg nach Wien. Auf dem Papier eine klare Linie durch Vorarlberg, Tirol, das Salzburger Land und Oberösterreich. In der Realität ein Wechselbad aus Alpenpässen, sengender Hitze und einer Donau, die mir jeden einzelnen der letzten hundert Kilometer streitig machte.

Über den Arlberg, in die Nacht

Der Start führte durch das vertraute Rheintal, doch schon in Bludenz begann die eigentliche Aufgabe, der Arlbergpass. Kein Pass, den man einfach mitnimmt, erst recht nicht als Auftakt zu einer 750 Kilometer langen Nonstopfahrt. Aber genau das macht solche Touren aus. Man verbraucht die Beine früh, wohlwissend, dass die Nacht noch lang wird und die Erholung erst nach der Ankunft kommt.

Innsbruck, dann Salzburg, Städte, die im Vorbeifahren zu Wegmarken werden, kaum mehr als ein Wechsel im Strassenbelag, ein Blick auf die Kirchturmuhr, eine kurze Orientierung, wo es weitergeht. Zwischen den Kilometern, dem Essen im Vorbeifahren, dem Einkaufen an irgendeiner Tankstelle und dem einen oder anderen Umweg, wenn Navigation und Realität kurz nicht übereinstimmten, verschwammen Tag und Nacht zu einem einzigen, langen Fluss aus Kurbeltritten.

Eine Stunde in Elmau, im strömenden Regen

Irgendwo unterwegs setzte starker Regen ein. Statt mich durchzukämpfen, nutzte ich das Wetter bewusst und legte in einer Bushaltestelle in Elmau eine einstündige Schlafpause ein. Kein Zelt, keine Matte, nur das Dach über dem Kopf und der Rhythmus des Regens, der auf das Blech trommelte. Eine Stunde Schlaf, zusammengesunken, während draussen ganz Österreich weiterschlief. Danach wieder aufs Rad, klamm und steif, aber mit dem Wissen, dass der Motor weiterläuft.

Solche Momente sind es, die eine Tour wie diese von einer sportlichen Leistung zu einer Erfahrung machen. Man lernt sich selbst noch einmal neu kennen, in einer Bushaltestelle, um drei Uhr morgens, irgendwo zwischen zwei Ländern.

Der Donauradweg, Gegenwind bei 39 Grad

Viele unterschätzen etwas Entscheidendes. Nicht die Berge sind auf solchen Touren am Ende das grösste Hindernis, sondern die letzten, vermeintlich flachen Kilometer. Ab Linz führte die Strecke auf den Donauradweg, konstant, gut ausgebaut, ideal zum Kilometerfressen. In der Theorie.

In der Praxis empfing mich die Donau mit stetigem Gegenwind bei 39 Grad. Jeder Meter musste erkämpft werden, während die Sonne gnadenlos auf den Asphalt brannte und der Fahrtwind, der sonst Kühlung bringt, sich in einen heissen Widerstand verwandelte. Nach über 700 Kilometern in den Beinen ist das kein Nebenschauplatz mehr. Das ist der Moment, in dem sich entscheidet, ob man ankommt oder aufgibt.

20 Kilometer vor dem Ziel, und dann Stille

Und dann, so nah am Ziel, dass man es förmlich riechen konnte, der Moment, den keine Planung verhindern kann. Der Akku war leer. Nicht meiner, der des Handys, des Lichts am Rad, des Garmin. Kein Navi mehr, kein Licht mehr, mitten in der Nacht, rund 20 Kilometer vor Wien.

Um 0:50 Uhr am 2. August war klar, hier ist Schluss, zumindest für ein paar Stunden. Ohne Licht auf einer fremden Strasse weiterzufahren, wäre kein Mut mehr gewesen, sondern Leichtsinn. Also legte ich mich hin, mitten in der Nacht, mit dem Ziel so nah und doch unerreichbar, und schlief bis sechs Uhr morgens.

Als das Tageslicht kam, kamen auch die letzten Kilometer, nüchtern, ruhig, fast andächtig. Kein Wettlauf mehr gegen die Dunkelheit, sondern eine letzte, klare Fahrt in eine Stadt, die die ganze Zeit gewartet hatte.

Wien

Am Ziel wartete nicht nur eine der schönsten Städte Europas, sondern vor allem Bettina, im Hotel. Nach 750 Kilometern, einer durchregneten Stunde in einer Bushaltestelle, sengender Hitze und einer letzten unfreiwilligen Nachtruhe vor den Toren der Stadt war dieser Moment der eigentliche Zielstrich. Die Akkus aufladen, meine eigenen und die der Geräte, und meine Frau in die Arme schliessen, bevor unser gemeinsamer Städtetrip begann.

Drei Tage Wien folgten, eine wunderschöne, eindrückliche Stadt, die sich nach dieser Anreise noch einmal anders anfühlte, als hätte man sie sich nicht nur erfahren, sondern erarbeitet. Am 5. August ging es dann standesgemäss ruhig weiter, mit dem Nachtzug zurück von Wien nach Feldkirch.

750 km, 33:45 Stunden im Sattel, 42:30 Stunden unterwegs. Widnau, Bludenz, Arlbergpass, Innsbruck, Salzburg, Linz, Donauradweg, Wien. Eine weitere Linie in der Chronik.

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Mein Saisonauftakt: 214 Kilometer im Tannheimer Tal

Es war mein erstes grosses Vorhaben in diesem Jahr, und schön, dass es gleich der erste Eintrag hier wird: der Radmarathon im Tannheimer Tal, die grosse Runde über 214 Kilometer und rund 3'500 Höhenmeter. Mein persönliches Ziel hatte ich klar gesteckt, nämlich Sub 8:30 Stunden.

Die Strecke hat mich von Anfang an gepackt. Vom Tannheimer Tal ging es hinaus ins Allgäu und über den Riedbergpass, Deutschlands höchste Passstrasse, weiter durch den Bregenzerwald und über den Hochtannberg zurück durchs Lechtal. Eine fordernde Runde, auf der die Höhenmeter mit jedem Kilometer mehr ins Gewicht fielen. Landschaftlich war es für mich ein Erlebnis, Strecke und Umgebung waren über weite Teile schlicht eindrücklich. Und das Wetter spielte mit, trocken und schön, genau richtig für einen langen Tag im Sattel.

Besonders gefreut hat mich, dass die Verpflegung perfekt aufging. Meine Kohlenhydratzufuhr mit Gels und Riegeln funktionierte über die ganze Distanz und trug mich gleichmässig durch. Am Ende standen 8:25 Stunden auf der Uhr, knapp unter meinem Ziel, dazu Rang 236 von 526 in meiner Altersklasse. Auf der grossen Runde gingen rund 2000 an den Start, über alle Distanzen zusammen etwa 3000. Für mich ein rundum gelungener Auftakt in die neue Saison.

Zur Strecke →

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